O heiliger Nabel! Ich las sieben Corona-Romane (Cicero)

Ein kindliches Ego, das sich selbst sich selbst erzählt – mehr ist hier nirgends zu erwarten.

DNA-Labor, Fledermaushöhle oder Pelztierfarm? Unter Kennern hält sich hartnäckig das Gerücht, Covid-19 sei in einer deutschen Literaturstipendiatenwohnung entstanden. Manche Indizien weisen darauf hin – etwa war die Pandemie das erste Großereignis der Menschheitsgeschichte, das vor allem für Langeweile stand. Der Stillstand, der Rückzug ins Privatistische hatten plötzlich den Glamour historischer Bedeutsamkeit. Man fühlte sich Boccaccio und Camus so nah, oh entbehrungsreiche Zeit! Der angebliche Lockdown inklusive täglichem Hundeeausflug, Joggingrunde und Supermarktbesuch ist ja, recht betrachtet, doch eine existenzielle Entbehrung wie die Pest in Florenz anno knull, und die eigenen, filigranen Befindlichkeiten glühen auf als sei die Menschheit letztgültig bedroht.

Tatsächlich hat der Nachrichten-Tsunami zur Pandemie eine bunte Fülle von spannenden Romanthemen an die Oberfläche geschwemmt. Jemand müsste sie nur abschöpfen und aufbereiten und käme großen Menschheitsfragen nah. Die Massentierhaltung, von der aus das Virus auf uns übersprang, könnte ein Ausgangspunkt für Überlegungen sein, ebenso die Fleischindustrie, deren Arbeitsverhältnisse die Verbreitung des Virus idealtypisch fördern. Wer schreibt den Roman über ein Pflegesystem an der Kante, wann kommt die Farce über Virologen in den Medien, wo lese ich den Thriller über die Hintergrundkämpfe der globalen Impfstoffverteilung? Welch reiches Feld bieten die erfolgreichsten Narrative unserer Zeit, die Verschwörungstheorien?

Ich habe hier sieben deutschsprachige Bücher liegen, die als „Corona-Romane“ rezipiert worden sind. Und jetzt raten Sie mal. Alle sieben handeln von bildungsbürgerlichen bis künstlerischen Existenzen im deutschsprachigen Raum im frühen 21. Jahrhundert, meist in splendid isolation lebend. Ein Buchhändler hier (bei Martin Meyer), eine TV-Serienautorin und eine Werbetante dort (Lola Randl, Juli Zeh), Andreas Lehmanns Held hat gerade überhaupt nichts zu tun, Thea Dorn, Joachim Lottmann und Ruth Herzberg lassen sich von etwaigen beruflichen Tätigkeiten ihrer Erzählfiguren nicht groß irritieren. Getan wird jedenfalls, was tun zu müssen geglaubt wird: Tagebuch schreiben. Briefroman schreiben (wie Goethe!). Corona-News durchkommentieren. Oder Bücher aus dem Regal ziehen, in denen ebenfalls eine Epidemie eine Rolle spielt.

Die Corona-Krise, so liest man jetzt öfters, bringe die Schieflagen der Welt erst richtig zum Vorschein. Für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wollen wir es gelten lassen. Ihre beiden schlimmsten Plagen wüten hier mit vereinter Macht. Einerseits ist da die quasi-sakrale Bedeutungshuberei, die aus Geschichtenausdenkern Weltdeuter zu machen wünscht, Priesterfiguren in einer säkularen Zeit: Das Buch als solches ist uns ein bisschen heilig, und der aktuelle Auskenner-Essay, das Vier-Seiten-Nobelpreisträger-Sommerinterview oder ein Gedicht zum Nahostkonflikt sind es erst recht. Man soll diese Leute reden lassen, denn sie finden die schönsten Worte – ganz egal, wie ihr Informationsstand oder ihre Analysekraft sind. Wir genießen ja bloß ihre Aura.

Zweitens hat der durchökonomisierte Literaturbetrieb es sich zur lieben Gewohnheit gemacht, seine Bücher an aktuell angesagte Diskurse anzuhängen: Romane, die in den Zeitungen und im Fernsehen stattfinden wollen, kommen als verlängerte Mediendebatten daher, minus Recherche, plus Befindlichkeit, bitte schön, macht dann 200 Seiten. Literatur wird nicht mehr als eine aufregende Kunstform gedacht, die Löcher in die Sicherheit der Erkenntnisse reißt, die Fragen stellt, Fantasie nutzt, Fantasie beflügelt. Literatur ist der letzte Hafen, in den der Prenzlberger einsegelt, nachdem sein abendlicher Spaziergang mit dem ökoneutral geretteten Hund zu Ende gegangen ist. Im Sofa soll er noch einmal das zu lesen bekommen, was er ohnehin schon den ganzen Tag gelesen, sollte Gedanken vorgesetzt bekommen, die er bereits zu denken gelernt hat.

Einige Corona-Romane entstanden live, vor aller Augen, Marlene Streeruwitz schrieb im Netz mit, Thomas Glavinic testete im Auftrag der „Welt“, ob man eine Zeitungskolumne als Roman anpreisen kann. Ruth Herzberg hat vier Bücher „Die aktuelle Situation“ rasch selber rausgebracht. Auch Juli Zeh, Thea Dorn, Andreas Lehmann, Joachim Lottmann, Lola Randl haben brav ihre Corona-Bücher angefertigt, die gern irgendwo auf dem Lande oder in der einsamen Wohnung spielen und ganz tief hineinführen in die erlesenen Gedankenwelten der Erzähler und -innen. Der Roman, das bin ich, und die Zeit ist knapp. Bei Juli Zeh fällt das noch am wenigsten auf. Sie hätte ihr „Über Menschen“ auch ohne Coronakrise ganz genau so geschrieben, als literarischen ZDF-Fernsehfilm über eine Stadtfrau, die aufs Land kommt, das wilde Brandenburg, wo ihre Gewissheiten in Frage gestellt … schnarch. Immerhin hat Zeh sich noch die Mühe gemacht, ihre blasse Leinwand auf den Rahmen einer handelsüblichen Schreibschul-Handlung zu spannen. Allen anderen genügt der ereignislose Alltag. Manchmal empfinden sie eine gewisse Mattigkeit, oder ein Kratzen im Hals, und so spüren sie in sich den Auftrag, in die feinsten Verästelungen des Seelenlebens hinein zu lauschen – wenn Thomas Mann seinen „Zauberberg“ schreiben darf, darf ich ja wohl auch mal.

Handlung im Sinne von Entwicklung ist eher weniger vorgesehen in diesen Romanen. Handlung, das würde Konflikt bedeuten, und Konflikt bedeutet Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Man macht aber lieber in Abgeschiedenheit, da kommt das Plusquamperfekt zu neuem Glanz, das Tempus der eingefrorenen, abgepackten und eingestaubten Zeit. Marlene Streeruwitz: „Der Kanzler spende ein Monatsgehalt, hatte Betty am Morgen gelesen gehabt. Sie hatte das in den Fernsehnachrichten schon gesehen gehabt.“

Man kann sich da ganz tief fallen lassen, in die Tristesse. Oder man kämpft vermittels Dauerlaune dagegen an, wie Lola Randls Erzählerin: Wacker bemüht sie sich, das Nichtgeschehen mit launig wegkommentierten Corona-News aufzupeppen, ja, die Heldin erfindet selbst eine weitere Heldin, die im Entwurf einer TV-Serie einer Zombie-Apokalypse trotzt, und das bunte Drauflosreden trägt einen eine Zeit lang durchs Buch, so wie man sich erst freut, wenn ein kleines Mädchen im Feenkostüm auf einen zukommt und einen vollplappert – bis dich irgendwann eine große, tief erschütternde Langeweile überkommt. Loslabern und dann nicht mehr aufhören – Randl trifft sich hier mit Joachim Lottmann, der sich auch von einer globalen Pandemie nicht vom Joachim-Lottmann-Sein abhalten lässt. Wie traurig-komisch das ewige Zentrifugieren ums Selbst ist, und wie man es nutzt, weiß Ruth Herzberg besser als die beiden. Sie hat auf keine Aufträge von renommierten Verlagen gewartet, sondern fixestmöglich vier Bücher über die Corona-Zeit selbst heraus gebracht, dabei alles verwurstend, was ihr durch den Kopf ging, und was sie links und rechts noch so geschrieben hat. Die Egomanie ihrer Protagonistin wird dabei mit der dringend nötigen Ironie ins Extrem getrieben und zur Schau gestellt, und so lässt Herzberg uns ebenso oft lachen, wie man sie auch seitenweise überblättern kann. Einmal quirlt sie eine Kurzgeschichte mit hinein, die sie mal für die Website der „Volksbühne“ geschrieben hat, und liefert in ihr die Programmatik der gesamten Coronaliteratur:

„Sie spielte ja tatsächlich mit dem Gedanken, einen Corona-Roman zu schreiben, jedenfalls kam es ihr so vor, als würde sie dies tun, also mit dem Gedanken spielen, einen Roman zu schreiben. So wie sie es in der Kindheit getan hatte, in der sie manchmal von sich in der dritten Person denkend, parallel zu ihrem Tun, all ihre Handlungen sich erzählte, als wär es ein fertig geschriebener Roman und sie sich sozusagen ihr Leben im Moment des Geschehens schon selbst als etwas Abgeschlossenes vorlas. Da sie allein lebte und sie sich einsam fühlte, weil sie Simon vermisste, den sie dummerweise kurz vor der Corona-Krise der Wohnung verwiesen hatte, hatte sie ihn sich in ihr Leben zurückerfunden. Sie genierte sich, dass sie ihn nicht komplexer ausgestaltete, dass sie so eine platte Figur aus ihm machte, andererseits, wozu die Sache beschönigen, die Trennung hatte ja Gründe gehabt und er konnte froh sein, dass sie nicht noch viel weiter gegangen war.“

Ein kindliches Ego, das sich selbst sich selbst erzählt – mehr ist hier nirgends zu erwarten. Andere Figuren werden nur umrissweise entworfen, lieber lässt das Kind Doppelgänger entstehen, imaginäre Gegenüber: Streeruwitz‘ Betty wird von gleich zwei eingebildeten Frauen besucht, mit denen sie über sich selbst und ihr Leben diskutiert. Andreas Lehmanns Held bekommt Anrufe von einer ihm unbekannten Frau, die dann später wieder spurlos verpufft. Thea Dorn schreibt ihr Traktat „Trost“ an einen ebenso schemenhaften Anspielpartner, einen fernen Philosophielehrer auf einer griechischen Insel, wirklich wahr! Juli Zeh entwirft den Konterpart ihrer Erzählerin, den Dorfnazi, so schlicht wie möglich – und nur, um ihn am Ende wieder einkassieren zu können. Der Andere, das ist ein Schatten am Rande, ein Accessoire meiner selbst. Eine Anekdote. Martin Meyer, ebenfalls hübsch das Plusquamperfekt hegend, pflügt eine mögliche Nebenfigur wie folgt unter: „Der Kamerad, der später Psychologe geworden war und sich eines Tages mit dem Revolver seines Bruders erschossen hatte, fuhr fort. Es sei also, so sagte er, zu beachten, dass die Juden mit der Ermordung Christi lediglich den Auftrag der Heilsgeschichte erfüllt hätten. Sie hätten folglich…“ Selbst erschossen. Revolver des Bruders. Mehr werden wir nie erfahren über ihn, ganz egal, weiter im Text.

Was bleibt so vom Roman? Ein Ende im eigentlichen Sinne ist nicht möglich, denn es hat nie eine Entwicklung gegeben. So wird sich flott aus dem Staub gemacht. Streeruwitz‘ Heldin Betty muss am Schluss dann mal weg, „einfach weg“. Thea Dorns Erzählerin beendet ihre kapriziöse Brief-Philosophie und fährt nach Capri. Lottmann, Randl und Herzberg würden wahrscheinlich weiterschreiben, immer weiter, einfach weil es ihnen solchen Spaß macht, dass jemand sie lesen will. Martin Meyer („Da hatte Matteo begriffen, was die Renaissance war. Sie war tatsächlich eine Wiedergeburt.“) und Thea Dorn haben sich selbst, inmitten des empfundenen Untergangs, immerhin die eigene Existenzberechtigung nachgewiesen: Bildungsbürgerbildung und den absoluten Willen zur gepflegten Konversation.

Der Bildungsbürger bleibt gern unter sich. Das Virus ist nur ein besonders aufdringlicher Teil der Welt da draußen, von der er sich fernhalten will. Der Roman, das bin ich. Die vorliegenden Werke sind so vor allem Anti-Corona-Romane: Die Logik der Epidemiologie ist ja eine, die das Individuum und seine Befindlichkeiten rasiert. Das Virus bekämpfst du nicht allein, nur eine gesamte Menschheit kann es tun. Du selbst bist unwichtig. Jedes Gnubbelchen des Virus wird jetzt mit mehr Interesse unter die Lupe genommen als all deine Wehwehchen, all dein Herzeleid und all deine Mutterprobleme zusammen. Nach Kopernikus, Darwin und Freud steht Christian Drosten für die vierte narzisstische Kränkung der Menschheit: Das Individuum, lange Zeit stolz abgefeiert, spielt in der Pandemie keine Rolle.

Theoretiker haben argumentiert, dass das Aufkommen der Romanliteratur ein historischer Schritt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen gewesen sei. Dass die Lektüre fremder Schicksale die Empathie, die Toleranz und den Universalismus voran gebracht hätten. Handlung und Figurenzeichnung waren dabei die Leckerlis, mit denen man durch die Geschichte gelockt wurde, ein Zugeständnis der Autoren, dass man die Leser ein bisschen umgarnen, dass man also auch sie als Gegenüber ernst nehmen muss. In den Corona-Romanen zeichnet sich nun ein Kipp-Punkt deutlicher ab denn je: Ein Bemühen um den Leser wird für weitgehend unnötig erachtet. Im Gegenteil, er soll folgen. Soll mich umkreisen, soll mich beobachten in all meinem öden Treiben und Tun, geteilter Ennui ist verdoppelter Ennui. Der Roman ist hier nun ein narzisstisches, nicht mehr zivilisatorisches Projekt – ein Instrument der Atomisierung.

Thea Dorn, Trost, Penguin
Ruth Herzberg, Die aktuelle Situation (1 – 4), Amazon
Andreas Lehmann, Schwarz auf Weiß, Karl Rauch
Joachim Lottmann, Sterben war gestern, Kiwi
Martin Meyer, Corona, Kein&Aber
Lola Randl, Die Krone der Schöpfung, Matthes&Seitz
Juli Zeh, Über Menschen, Luchterhand

Der Text erschien im August 2021 im Cicero.

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