Auf einen Kaffee beim Guggolz Verlag (Cicero)

Einer freien Seele fliegen die Herzen zu. (Lettisches Sprichwort)

Der niemandem nachläuft, findet das Glück. (Bulgarisches Volkslied)

Warum nicht einen Text über Sebastian Guggolz mit ein paar komplett ausgedachten, märchenhaften Zitaten beginnen? In der Begegnung mit dem Mann und seinem Verlag, dem Guggolz Verlag, hat mancher schon seinen Glauben an das Gute in der Literatur wieder gefunden. Seit 2014 gibt es diese verwegene, angstfreie Unternehmung in einer lauschigen Straße in Berlin-Schöneberg, und wenn man „Verlag“ sagt, ist damit ein ebenerdiger Altbauraum gemeint, der auch eine Boutique oder einen Schokoladenladen beinhalten könnte. Wo die Tür gern mal offen steht, damit die Paketboten besser reinkommen, und nach den Paketboten die Nachbarn, die ihre Pakete abholen wollen. Wo im Schaufenster stets Rezensionen aus den großen Zeitungen hängen – begeisterte Rezensionen. Wo der Besucher vergebens nach Mitarbeitern späht, denn Mitarbeiter über Sebastian Guggolz hinaus gibt es keine zu sehen.

Da sitzt er, ein hübscher Mann in einem Alter, da Jugendlichkeit erst so richtig zur Blüte kommt (39), einnehmend vom ersten Moment – und einer der seltenen Menschen, deren natürliche Freundlichkeit sich mit einem scharfen Urteil und entschiedenem Willen vereint. Guggolz ist im Oberschwäbischen aufgewachsen, in einem kleinen Ort, wo die zugezogenen Eltern immer „Neig’schmeckte“ geblieben sind. Eine pietistische Enklave. Sittenstreng. Sinnenfeindlich. „Sie glauben dort an den Teufel. Es gibt einen Teufelsaustreiber.“ Guggolz wächst mit einem Oppositionsgefühl auf. Mit 19 liest er Karl Philipp Moritz‘ „Anton Reiser“, in dem der Held aus ähnlichen Verhältnissen ausbricht. „Ich habe mich da so sehr wieder gefunden.“

Wenn man an einem Ort aufwächst, in dem die Menschenwelt seltsam bis widersinnig erscheint, kann das eine Hilfe sein. Den eigenen Weg zu erkennen. Guggolz hat von seinen Eltern den Glauben an sich selbst geschenkt bekommen. Er geht nach Hamburg, zum Studieren. Er geht nach Berlin. Bei einem Abendessen trifft er Andreas Rötzer, der den Verlag „Matthes & Seitz“ aus der Taufe gehoben hat. Die beiden verstehen sich blendend. Zwei Tage später hat Guggolz einen Job. Bald ist er die rechte Hand im vielleicht angesagtesten Verlag der Republik. Als Rötzer den Erfolg in Wachstum ummünzen will, spürt Guggolz wieder: dass sein Weg ein anderer ist. „Die Idee von Wachstum habe ich nie verstanden“, sagt er, „ich fand es angenehm, so wie es war – ein Kernteam von vier Leuten. Keine Konferenzen, wo man sich abstimmen muss.“ Nach sieben Jahren verlässt er „Matthes & Seitz“. Bald ist klar: Guggolz gründet einen eigenen Verlag.

Auch andere Dinge sind ihm klar. Sein Verlag wird nie auf Größe angelegt sein, nur auf Qualität. Er will Übersetzungen machen, weil sie die schönste, unmittelbarste Arbeit mit einem Text ermöglichen, ohne Rücksicht auf seelische Empfindlichkeiten. „Zudem wusste ich, dass Veranstaltungen mit Autoren einen wahnsinnigen Aufwand verursachen. Deswegen wollte ich tote Autoren.“ Im Jahr 2012 hat ein Buch ihn ganz besonders gerammt: „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow, einem russischen Exilautor des frühen 20. Jahrhunderts. Guggolz wittert hier die Richtung für seinen Verlag. Bald erkennt er, dass er durch eine Schatzkammer wandelt: Literarische Klassiker aus Ost- und Nordeuropa, funkelnde, vibrierende Bücher, die nur darauf warten, für Deutschland entdeckt – oder wiederentdeckt zu werden. Andere Verlage mühen sich durch die kargen, voraussagbaren Ebenen der Gegenwartsliteratur. Guggolz in seiner Boutique haut einen bedeutenden Kracher nach dem anderen raus. Er beschert uns Überwältigungen wie „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ des Norwegers Aksel Sandemose oder „Das weiße Leintuch“ des Litauers Antanas Skema. Dass der Verlag nur existieren kann, weil Guggolz in einer Quizshow 250.000 Euro gewinnt – fügt sich. Wer, wenn nicht er? Das Glück küsst den, der keine Angst hat.

Eine Ende ist nicht abzusehen. Es gibt noch so viele Sprachen und Literaturen zu erkunden, Slowenisch, Bosnisch, Mazedonisch… für uns alle, vor allem aber für einen: Sebastian Guggolz. „Der Verlag ist ein Selbstporträt von mir als Leser“, sagt er. Hat er, nun ja, eine Vision für die Zukunft? „Genau so weiter zu machen. Und irgendwann aufhören. Nicht verkaufen, nicht übergeben. Wenn es mich nicht mehr gibt, gibt es auch den Verlag nicht mehr.“ Als Leser wünschen wir dem Mann ein langes, glückliches Dasein, da sind wir ganz eigennützig.



Erstabdruck im Cicero, Juni 2021.

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