Meine Hörbuchtipps für das Frühjahr (Cicero)

Autofiktion ist seit ein paar Jahren der heißeste Stoff im Literaturbetrieb. Und als Mode in der Mode gönnt der sich gern Unterschichts-Autofiktionen, die einen kleinen Voyeurismus ins Dasein mancher armer Leute ermöglichen, inklusive meist deren unbedingten Aufstiegswillen, und was durch Herkunft und Streben kaputt geht in denen. Nun hat der Trend Tove Ditlevsen nach oben gespült, und die monumentale Selbstausbeutung ihrer Kopenhagen-Trilogie gibt dem Trend Recht: Ditlevsen, 1918-1983, erzählt von ihrer Kindheit im Arbeiterviertel, von ihrem Traum, eine Dichterin zu werden, von ihrem Willen, diesem Traum alles unterzuordnen: auszunutzen und ausgenutzt zu werden, bis ein kleines bisschen Ruhm dabei herauskommt. Welche andere Wahl hat sie denn als Frau von ganz unten? Dagmar Manzel führt mit bedächtiger Klarheit hier hinein, und wenn man begreift, welche Lebenshölle da um einen herum wächst, ist es längst zu spät; wäre es nicht zynisch, schlösse man mit bürgerlicher Eleganz: Es macht so süchtig wie die Drogen, denen die Erzählerin verfällt.

Tove Ditlevsen, Die Kopenhagen-Trilogie: Kindheit (3 CD), Jugend (4 CD), Abhängigkeit (4 CD), gelesen von Dagmar Manzel, gesamt ca. 14 Stunden, Der Audioverlag, jeder Teil ca. 18 Euro

Der NSU-Prozess als Hörspiel, ein Unding in einem Unding: Wie will man dieses triste Schauspiel, das sich über Jahre hinzog und allen Berichterstattern dabei doch so wenig bot, was sie nicht schon wussten, künstlerisch in den Griff bekommen? Hier echot die Vergeblichkeit des Prozesses selbst: Nie konnte er leisten, was er für uns alle hätte leisten müssen, und wofür er doch nicht designt war: Licht zu bringen in das düstere Gehölz aus Lügen und Schweigen, in dem noch so manches Monster lauern mag. Welche Mithelfer hatten die Terroristen? Inwieweit waren staatliche Stellen verwickelt? Und im Kern das größte Rätsel: Wie können Menschen in der Lage sein, eine so perverse Mordserie zu begehen, Menschen, die zwischendurch Urlaub auf Fehmarn machen; Menschen, die der Nachbarin Lebenstipps geben und die, wie Frau Zschäpe, schnell noch die Katzen in Sicherheit bringen, ehe das Haus angezündet wird. Gebannt folgt man diesem Stück, das dem Ungetüm eine Ordnung und einen Erzählflow abgerungen hat, und am Ende ist man doch nur wieder fassungslos.

Ulrich Lampen (Regie), Saal 101. Dokumentarhörspiel zum NSU-Prozess, 12 CD, ca. 10 Stunden, Der Hörverlag, ca. 49 Euro

Eifrig ist der Audioverlag seit Langem dabei, die Archive der Öffentlich-Rechtlichen nutzbar zu machen, kostengünstig stupst er uns auf manchen Klassiker, in den man wohl mal reingehört haben möchte. Diese Saison ist eine 1970er-Aufnahme vom Rundfunk der DDR dabei, und ein Autor, der nach 1990 in den Strudel des Vergessenwollens geriet: Heinrich Mann, der große und progressivere Bruder von Thomas Mann. Sein Roman „Im Schlaraffenland“, erstmals 1900 erschienen, erzählt sardonisch lächelnd eine Aufstiegsstory: Der eher so lala begabte Literat Andreas Zumsee sucht im Berlin des Kaiserreichs die große Karriere, und er weiß, dass es dazu weniger des Könnens bedarf als der gepflegten Annäherung an zentrale Personen der High Society. Das klappt sogar. Eine Weile. Bis Zumsee inmitten des neureichen Eitelkeitentheaters einen Tick zu sehr an die eigene Großartigkeit glaubt – so kann der Sturz dann rascher gehen als sich „plumps“ sagen lässt. Ein Märchen aus einer fernen, fernen Welt! Heutzutage, wie man weiß, setzen sich allein Talent und Anstand durch.

Heinrich Mann, Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten, gelesen von Inge Keller u.a., 1 mp3-CD, , ca. 2 h 35 min., Der Audioverlag, ca. 10 Euro


(Erschienen im „Cicero“, April 2021)

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