Kurzgeschichte ’98: Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken

Die Fähre ist in den Wintermonaten außer Betrieb.

Schade, denkt sie. Aber es ist nicht so schlimm. Sie wollte ohnehin nur einmal rüber und sofort wieder zurück. Mit laufendem Motor sitzt sie eine Weile, den Kühler zum Kanal, und sortiert noch einmal ihre Gedanken. Da ist so vieles, was sie ihm sagen will. Vieles, was ihr klar geworden ist in der Zeit. Die Hauptsache ist, dass er schon am Tisch sitzt. Dass ich es bin, die hereinkommt.

Noch ein Blick auf die Uhr. Sie ist schon zwanzig Minuten überfällig. Das sollte reichen.

Sie wendet. Den Weg zum Lokal erinnert sie noch gut, man muss nur dem Kanal folgen.

Ihr Wagen ist der einzige, als sie auf den Parkplatz einbiegt. Aber das muss nichts zu sagen haben.

Der Kies knirscht unter den Rädern. Sie macht den Motor aus, steckt die Schlüssel ein. Ein verstohlener Blick in den Rückspiegel. Rouge hat sie sonst nie aufgelegt. Aber es sieht ganz ordentlich aus.

Ein halbes Jahr kann eine lange Zeit sein, denkt sie.

Sie steigt aus, sie schließt die Wagentür ab, wahrscheinlich hat er sie schon lange gesehen. Sie lässt sich nichts anmerken. Ihr Rücken ist sehr gerade, als sie auf das Lokal zugeht. Das zweite Fenster links müsste es sein. Wenn er auf dem selben Platz sitzt wie damals.

Sie stößt die Tür auf.

Hallo, grüßt der Wirt. Etwas in seiner Stimme sagt ihr, dass da niemand wartet. An ihrem Tisch sitzt ein alter Mann und starrt in seine Kaffeetasse.

Ich könnte wieder rausgehen, denkt sie, mir kurz die Beine vertreten, aber da ist es schon zu spät. Ihre Entschlossenheit hat sie zu weit herein getragen. Sie packt einen Stuhl und setzt sich.

Da ist der Wirt, da ist der alte Mann. Das Klavier steht noch da, neben ihrem Tisch hängt ein Ölbild. Durch das Fenster kann man den Kanal sehen.

Sie atmet tief durch.

Wir brauchen das jetzt mal.

WAS brauchen wir?

Abstand.

Abstand. Ein halbes Jahr lang gar nichts. Kein Brief, keine Telefonstimme, kein Bild, gar nichts. Norwegen, hatte er gesagt. Vielleicht mal ganz bis zum Nordkap.

Das waren seine Regeln gewesen. Er war sich immer so sicher.

Der Wirt wischt die Theke blank mit seinem grünen Lappen, er stellt gespülte Gläser zurück.

Er heißt irgendwas mit „r“, denkt sie, Rainer oder Gerd. Früher war er Lehrer. Musik und Sport. Dann hat er das Lokal geerbt.

Sie sieht auf ihre Uhr. Gute halbe Stunde schon.

Jetzt verteilt er Aschenbecher auf den Tischen. Einmal geschieden, denkt sie, zehnjähriger Sohn. Hat aber noch guten Kontakt mit seiner Frau.

Der alte Mann hat sich mühsam erhoben, er wackelt zur Garderobe. Das geht alles sehr langsam. Er steigt in den Mantel, setzt sich seinen Hut auf. Sie ist erstaunt, als er auch zu dem roten Schirm greift. Den hätte sie ihm nicht zugeordnet.

Wortlos passiert er den Wirt, der ihm zunickt. Einen Moment lang steht er wie unschlüssig in der offenen Tür, durch die der Herbstwind braust. Dann klappt er den Schirm aus und geht.

Sie betrachtet das Gemälde. Männer in Schmuckuniformen. Stahlhelme mit Federbüscheln, gegürtete Ziersäbel. Eine Feierlichkeit am Kanal. Es muss die Einweihung sein. Der das Band zerschneidet, ist dann der Kaiser sein. Wilhelm hieß der, genau wie beim ersten Spatenstich. Nur der Mann war jetzt ein anderer. Und der Norden eine Insel.

Irgendetwas Blödes hatte er noch zum Abschied gesagt, etwas richtig Blödes. Sie kommt aber nicht mehr darauf, was das war.

Es riecht nach Tabak auf einmal. Neben ihr steht der Wirt.

Ein Freund von mir meint, man könnte den ganzen Norden an die Dänen zurückgeben, sagt er. Das wäre ästhetischer.

Freunde, denkt sie. Habe ich mit meinen Freunden gesprochen in diesem halben Jahr?

Überhaupt nicht, denkt sie, obwohl sie weiß, dass es nicht stimmt. Ein halbes Jahr lang habe ich abends zu Hause gesessen, gequalmt und mir alte Bilder angesehen. Ein halbes Jahr lang bin ich mit Kopfschmerzen ins Bett. Ob das Leben in Norwegen genauso asketisch war?

Die haben doch etwas verbunden, sagt sie, ohne sich vom Bild abzuwenden. Nord- und Ostsee.

Und?

Warum kann man nicht auch bei der Feier etwas verbinden? Statt etwas durchzuschneiden?

Er lächelt sogar ein bißchen.

Das sind Männer, sagt er dann, die denken anders.

Eine heftige Bö heult ans Fenster, der Regen prasselt. Weit hinten steht auf dem Kies der alte Mann und sieht seinem Schirm hinterher, den der Wind mit sich gerissen hat. Er rührt sich nicht. Er hält nur mit beiden Händen seinen Hut auf dem Kopf.

Er steht im Wind, im Regen, und hält mit beiden Händen seinen Hut fest.

Wege abkürzen, denkt sie. So geht das also. Obenrum ist die See uns zu wild, da schneiden wir dann einfach ein Stück Land ab. Schicken tausend starke Männer los und lassen sie einen Kanal schippen.

Nächstes Mal fahren wir auch mal rüber. Aber wie?

Alles seine Idee, denkt sie. Von Anfang an. Sechs Monate Bedenkzeit, ein Abschiedstreffen. Das Wiedersehen am selben Ort, in der Mitte zwischen ihm und ihr, auf den Tag sechs Monate später. Als ob nichts gewesen wäre.

Der Wirt sitzt versonnen an der Bar. Er hat aufgehört, sich Arbeit zu suchen. Er steckt sich eine Pfeife an.

Wahrscheinlich hat er schon lange ihr Nummernschild gesehen. Ein weiter Weg, wird er denken. Was hat sie wohl nach hier oben verschlagen?

Sie rechnet vor und zurück, hin und her. Vielleicht hat sie ja etwas falsch gemacht. Rechnen war noch nie ihre Stärke. Aber es ist der richtige Tag. 14.11.

Ich bin hier verabredet, sagt sie auf einmal laut. Hier hat wohl niemand angerufen?

Der Wirt sieht sie wortlos an.

Oder gewartet, sagt sie, gewartet hat wohl auch niemand? In den letzten Tagen?

Unmerklich verneint der Wirt mit dem Kopf.

Um diese Jahreszeit, sagt er, wird hier wenig gewartet.

Düster ist es geworden. Der Regen klatscht an die Scheiben. Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken, denkt sie. Ist das lange her.

Ehrlich war er immer gewesen, obwohl: War das Ehrlichkeit? Laut hatte er immer die Wahrheit verkündet, seine Wahrheit.

Wer es nicht mehr haben will, braucht nicht mehr zu kommen. Jetzt fällt es ihr wieder ein. Beim Losgehen hatte er es gesagt, zwischen Tür und Angel, wie bescheuert, hatte sie noch gedacht. Und es bis eben wieder vergessen.

Sie fingert erst nach ihren Zigaretten, lässt es aber wieder sein. Keiner soll sehen können, wie ihre Hände zittern. Sie sieht nach dem Bild. Die Uniformen sieht sie, die Blaskapelle, flatternde Fahnen und blinkende Schiffe, Farben sieht sie, weiße und bunte Flecken, nebeneinander, übereinander, wild…

Tock, sagt es auf einmal am Fenster, und sie zuckt zusammen. Ein riesiges rotes Auge starrt sie an, sich langsam drehend. Einen Moment lang hängt es dort, dann löst es sich und treibt davon. Auf den Kanal zu.

Zwei Stunden lang sieht sie eine Zigarette nach der anderen verglimmen. Der Wirt hat sich irgendwann ans Klavier gesetzt, die Hände an der Schürze abgestrichen und bedächtig angefangen zu spielen.

Das kann doch nicht wahr sein, denkt sie, immer wieder diesen einen Satz: Das kann doch nicht wahr sein.

Das Klavierspiel hört auf. Dann hört sie seine Stimme.

Er würde jetzt schließen. Eine Pause. Sie müsse nicht gehen, wenn…

Erst will sie aufstehen, aber die Beine machen nicht mehr mit.

Sie weiß, wie es gemeint ist. Es ist nichts Böses dabei. Zwei Menschen, die alleine sind. Der Winter, der bald kommt.

Sie hört den Schlüssel im Schloß. Seine Schritte, behutsam, von der Tür zur Theke hin. Das Klimpern von Glas. Ich muss jetzt gar nichts machen, denkt sie. Draußen heult es durch die Dunkelheit.

Er kommt zu ihrem Tisch, den Kognak und die Gläser in der Hand. Er hat die Schürze noch umgebunden, ein Stückchen Sicherheit für beide. So wie die traurige Geschichte, die sie ihm erzählen wird heute nacht.

Draußen tobt der Sturm. Ihr Wagen wird umgewälzt und fortgetrieben, denkt sie einen Moment lang. Dann sieht sie dem Mann in die Augen. Er kennt ihre ganze Geschichte schon. Hilflos zuckt er mit den Schultern. Er gießt ein, ihr zuerst.

Norwegen, denkt sie ohne Zusammenhang und hört den heulenden Wind. Da liegt bestimmt schon Schnee.



Erschienen in „Der Dreischneuß“ Nr. 5 (1998)

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