Wie weh tut Freundschaft? Out now: „Ich verlasse dich nicht mehr“ (FSK 18)

Lieber Herr Ungerer, Ihre aktuelle Novelle „Ich verlasse dich nicht mehr“ haben Sie komplett selbst produziert. Wollte kein Verlag das Buch haben?

Ich weiß es nicht, vermute es aber. Mit Prosa unter hundert Seiten lässt sich kein Geld machen, es sei denn, ich wäre Juli Zeh, Matthias Schweighöfer, Amanda Gorman oder vielleicht eine Darmexpertin.

Auf 64 Seiten erzählen Sie das ganz große Drama um Freundschaft, Begehren, Tod und Schuld. Wo ist der Ironiker Ungerer geblieben?

Der hat sich im November, als es ihm zu dunkel wurde, schlafen gelegt. Bis März. Der melancholische Ungerer hat in dieser Zeit heimlich das Buch gemacht. Zum Glück war meine Lieblingsgrafikerin, Anusch Thielbeer, manchmal wach und konnte das Cover und den Satz besorgen. Überhaupt war es großartig, zu zweit ein Buch zu machen. Keine Marketingexperten, keine Vertreterkonferenz, keine ästhetischen Anregungen aus einem halben Verständnis heraus. Nur das Buch, so wie ich es wollte.

Im Nachklapp erfährt man, dass die Erzählung aus einer fernen Vergangenheit stammt, dem Jahr 1995. Würde man so etwas nicht normalerweise als Jugendsünde deklarieren und unter den Tisch fallen lassen?

Sicher würde ich diesen Text heute nicht mehr so schreiben, wie er jetzt da steht. Er kommt mit dieser unmittelbaren Wucht daher, gnadenlos bis an die Kante. Es geht um Liebe und Begehren. Um Schuld. Geht darum, wie fest man sich an etwas klammern kann, noch über den Tod hinaus. Es sind ja Heranwachsende, denen das alles passiert. Heranwachsende können so wahnsinnig orientierungslos sein, können panisch um sich schlagen in ihrer Not und wüste Verletzungen anrichten.

Es sind zwei junge Männer, die in Ihrer Novelle zu Wort kommen. Einer davon heißt Klaus. Gehen wir recht in der Annahme…

Nein. Wäre ich Klaus, wäre ich heute nicht hier.

Liest man die Geschichte genau, so scheint sie in den Achtzigern oder Neunzigern zu spielen. Wäre sie heute so nicht mehr vorstellbar?

Ich will natürlich hoffen, dass die heutige Jugend nicht mehr durch solche Seelenqualen durch muss wie mein Erzähler, sein bester Freund und Juna, ihre gemeinsame Geliebte. Aber vermutlich hat es diese Art der Verlorenheit in allen Epochen gegeben.

Die Konstellation, von der Sie erzählen, ist aus feministischer Sicht ein Klassiker in der Literaturgeschichte, die Story lebt aus einem archaischen Modell von Männlichkeit heraus: die Frau als Verhandlungsmasse zwischen zwei Männern, die Entfremdung vom eigenen Körper, die Sprachlosigkeit im entscheidenden Moment. Wäre es nicht Zeit, andere Geschichten zu erzählen?

Vielleicht. Aber letztlich finde ich die Frage nach der sprachlichen und kompositorischen Qualität eines Textes viel relevanter. Die Frage, ob ein Text lebt und packend ist. Langweilige Literatur taugt für keine Diskussion.

Noch eine Abschlussfrage. Im Impressum bedanken Sie sich bei Indie-Rock-Legende Bob Mould und nennen die EP „Beaster“ seiner Band Sugar. Liest man die sechs Kapitel des Buchs intensiver, so stößt man auf Parallelen zu den sechs Songs des Albums. Hat die Musik Ihnen beim Schreiben geholfen?

Ich hoffe es sehr. Die unglaubliche Kraft dieses Albums hat mich durch den Produktionsprozess getragen, damals. Es war die erste längere Erzählung, die ich beendet habe. Sie ist so etwas wie der Grundstein für alles, was später kam und noch kommen wird. Ich wäre froh, eine Literatur schreiben zu können, die ebenso voller Melancholie und Wut und Verzweiflung und auch so voller Schönheit und Hoffnung ist.

Herr Ungerer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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