Föhjetong Classics: Absinth, Tand, FAZ-Praktikant (2001)

Der Praktikant und ich sind uns einig: Ein Selbstversuch, wagemutig wie dieser, darf nicht unbegleitet unternommen werden. Der Absinth hat unsere Ortschaft erreicht! Ohr ab zum Besäufnis! Endlich, flüstern Praktikant und ich uns zu, vorsichtig Flure belugend: Die Bohème ist wiedereröffnet. Lautrec und Poe, Rimbaud! Kommt die grüne Fee noch bei Genuss oder hat sie sich absinthiert? Wer schnitt wem was ab? Die Öffentlichkeit will unterrichtet werden.

Die Hierarchie hier ist flach, ich gebe dem Praktikanten drei Tage frei und er mir: Nicht an Gestaden wollen wir baden, mit van Hoddis gesprochen. Sondern hinein in einen Ozean aus Wermutöl und Anis – neuartiger Fusel erzwingt dies, ausgedünnt sind die Thujon-Flottillen in ihm, jene Raumschiffchen molekularer Größe, in denen besagte Fee herbeizudüsen pflegte, damals. Die Regeln sind einfach: Der Praktikant kommt vom Rheinland und darf van Gogh sein, ich hingegen gebe Gauguin: Vom Ostsee zum Südsee ist nur ein Katzensprung. Wir werden trinken, bis einem das Ohr abfällt und schreiben auch mit, wie das kam. Ich notiere in Blockschrift auf meinen Arm: Kein Wort ohne Anwalt. Dann gehen wir.

Die Bar ist seit Wochen Journalistenrevier. Heute ist der HR da, leuchtet schön alles aus und steht an der Bar, elende Spesenvertrinker. Der Praktikant und ich denken uns prophylaktisch Absinthexzesse aus, man kann so schnell Kolorit sein. Eine bräunliche Fee schwebt herbei, die grüne will erarbeitet sein. Die Augen gehen über beim Anblick der Karte: Absinthe und Cocktails sonder Zahl, wir beginnen mit Urgewalt, solange die Zunge noch mittut. Den Stravoplzencky hätten wir gerne, 8,1 mg Thujon. Besser noch wäre der Ordinaire mit erhabenen 28,2 mg. Beide aber sind aus, so sehr hat die Journaille gewütet. Ich nehme einen Franzosen, der Praktikant wählt den Spanier. Blaue Periode, wir kommen!

Ein guter Absinth braucht zehn Minuten, da gibt es viel zu erzählen. Ob er mal wieder was von Baudelaire gehört habe, frage ich den Praktikanten und erzähle zwanglos aus der großen Ära der Absinth-Trinker-Malerei: Monet, Manet, Toulouse-Lautrec. Das waren noch Kerle und Zeiten! Die Künstler hielten thematisch zusammen dank sanfter Entgrenzung, sie saßen im selben trunkenen Boot. Nicht wie heute, wo jeder allein für sich pütschert. Man entflammte gemeinsam und löschte sich auch. Süddeutsche Zeitung vom 14. Juli: „Wenn Verlaine auf Absinth war, zündete er manchmal seiner Frau Haare und Kleider an.“ Goghuin über van Gaug: „Am Abend gingen wir in ein Café. Er bestellte sich einen kleinen Absinth. Plötzlich schleuderte er mir das Glas samt Inhalt ins Gesicht.“ Das war doch noch menschliche Nähe!

Dies muss Phase zwei sein, vor der Oscar Wilde so gewarnt hat.

Hier kommt er: Grüne Leuchte in Gläschen, eine Wasserkaraffe und Zucker. Was tun? Wir stellen die Dame zur Rede. Nun, das Wasser werde hinzugegeben (außer bei Alfred „Ubu“ Jarry, der nur pur trank, wie man weiß). Punkt. Aber wo sind jene putzigen Löffel, die Fischmessern gleichen, von Löchern durchbrochen? Ganz genau hätten wir die in der Zeitung gesehen! Und wohin mit dem Zucker? Oh, der stehe nur so da. Die Absinthlöffel gebe es zum Absinth Drip Cocktail. So hat man noch Ziele. Grün glühend fließen Anis und Wermut die Kehlen hinunter, man spürt ihnen nach, zur Lakritzstange erstarrt. Kennst du Hansesegler?, frage ich den Praktikanten und erzähle vom schlimmsten Gelage des Lebens, welches Küstennebel-Imitat und Calvados involvierte. Der Drang zum peinsamen Bekenntnis bricht sich Bahn. Baudelaire, sagt der Praktikant, ihn habe er in deutscher Übersetzung auswendig gelernt: Man muss immer betrunken sein. In Montpellier habe er das Buch gekauft, auf dem Petroleummarkt. Auf dem was? Auf dem Flohmarkt. Wir ordern rasch mehr.

Endlich! Die Lochlöffel, quer auf den Gläsern, gewürfelter Zucker darauf, dann Show: Die bräunliche Fee entflammt uns die Würfel, gebannt begutachten wir. Sie erklärt uns die Sachlage kurz, weltfremde Autoren erkennt man. Kamelisieren müssten die Würfel jetzt, sobald man das sehe, hinein in die Gläser, umgerührt und Wasser hinzu. Wir nicken verständig. Blau brennen die Würfel und versuppen so langsam, da spricht der Praktikant: Von einer dunklen Hoffnung – oder Sehnsucht? – nur getrieben, dass einst der Tod ein neues Sonnenglühen aus ihrem Hirn die Blumen lässt erblühen, wir üben uns’re Kräfte mannigfalt‘. Wessen Hirn, frage ich, er trägt nach, es muss wohl der Urgestalt Hirn sein. Wir diskutieren Apostrophe und Rhythmen, da schreit der Praktikant auf: Mein Pernod brennt!

Das Glas brennt tatsächlich, bläuliche Flamme, erstes Zeichen für das Kommen von Bildern, Gesichten? Schade, dass die Medien schon weg sind. Welch ein Take, der wedelnde, pustende Praktikant. Auch ich schubse mein Löffelchen um – der Zucker bleibt haften. Festgeklebt. Vermaledeite Welt! Poetische Verzweiflung! Aber wieso Pernod?

Na, schmeckt doch wie Pernod, sagt der Praktikant. Ich widerspreche energisch: Grüne Fee, die feierliche Färbung des Lebens, tremblement de terre, der Absinthmord von Neunzehn Nullfünf: Ließe sich das mit Pernod denken? Ein schaler Abglanz nur sei dieser von jenem. So langsam trinkt man sich warm, arrangiert sich mit dem salmigen Fusel. Ohne Narkose keine Ekstase, und bei der Zunge beginnt sie. Es folgt der Absinth Flip, das ist was Gesundes mit Ei. Dann Absinth Blanc mit Mandelsirup und Sahne, ein verruchter Genuss mit Gefahren: Ruck zuck geschluckt ist der. Die Gespräche werden allmählich okkulter. Der Praktikant halluziniert von Hörspiel und Vierspurgeräten, ich referiere leuchtenden Matjes im Dunklen.

Absinth Orange. Absinth Curacao Frappé. Die Wirklichkeit fragmentiert. Wie wahr sind die Glitterwedel aus Wedelglitter? Kann man die knallgrünen Minzkirschen essen? Thalamus und Großhirnrinde haben sich nichts mehr zu sagen: Erdnussschälchen kriechen von selbst auf den Tisch, Absenta germanica gibt uns den Rest, Monologe schwurbeln sanft umeinand‘. Irgendwie wird Belgien Thema, sanft umspielt von Snoozle- oder Sneuzle-Räumen und Bällchenparadiesen, Kammern voll plastener Kugeln, wild wuchern die grünen Wände um uns empor, dies muss Phase zwei sein, vor der Oscar Wilde so gewarnt hat. Der Praktikant wirft mir – oder ich ihm? – einen Strohhalm ins Gesicht, keiner weiß, wie es kam. Eindrücke, Begrifflichkeiten, Aspekte: Der Joint zum Trinken. Montpellier-Lautrec. Godard meets Allen meets Gokart meets Poe. Da endlich schwebt die Fee herbei, leider immer noch bräunlich. Ihr Mund bewegt sich mit Fassung. Die toten Wörter stehen auf und wir auch, berüchtigte Blindheit umfängt uns: Man kann das Zeug nicht mehr sehen.


Aus: „Ist Frühling. Muss schön sein.“ (Erstmals erschienen in der FAZ, September 2001.)

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