Meine abenteuerliche Reise auf dem Balkon (FAS)

Der Ort hätte besser kaum gewählt sein können. Wochen des Lockdowns liegen vor uns, Wochen der Abgeschiedenheit, fern der Welt, fern allem, was wir kannten. Es ist gut, dass wir uns schon vor einiger Zeit ein Visum für den Balkon einer schönen Frau aus der Nachbarschaft gesichert haben. Es war nicht leicht, die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, und doch hat jeder Schritt auf dem Weg auch Freude bereitet – das nonchalante, sachliche Kennenlernen, das darauf folgende Charmieren und Antichambrieren, letztlich der entschlossene Vorstoß aufs Ziel, ohne den der Kongo noch heute unkartiert wäre, Kap Horn unumrundet: Es gab ein Lächeln unter dunklen Locken zu ernten, dann war die Genehmigung erteilt, es war nicht mehr Überzeugungskraft vonnöten als in einem Lübecker Marzipan-Schwarzbrot wohnt, welches mit einem zauberhaften Lächeln entgegen genommen wurde.

Von nun an steht der Balkon uns offen. Ist die Anreise auch beschwerlich – fünf Treppen hoch, an Riegel und Kette vorbei und einer geheimnisvollen, stets verschlossenen Tür, hinter der angeblich ein 16-Jähriger wohnt, der aber nur in Vollmondnächten auftaucht, um in der Küche nach Nahrung zu suchen -, so lohnt das Ziel doch den Aufwand: Die Wohnung schließlich zur Gänze durchmessen habend, erreicht man im südwestlichen Bereich, hinter Vorhängen wie hinter einem gischtenden Wasserfall verborgen, den Balkon, dessen Tür sich mit verblüffender Leichtigkeit, wie wenn man schon erwartet worden wäre, öffnet. Dann treten wir hinaus.

Und dann kaufte sie ein, und dann pflanzte sie, und sie goss.

Die Lage des Balkons könnte nicht herrlicher sein. Unmittelbar in der Nähe des legendären Gleimtunnels findet er sich, dort wo Ost und West aufeinandertreffen, dort wo im Mauerpark Fuchs und Flaschenbiertourist sich gute Nacht sagen, in einem historischen Spannungsfeld wie wenige andere: Vor gut dreißig Jahren wäre man, ein paar Schritte von hier, bei einer falschen Bewegung westwärts einfach erschossen worden. Was mögen die Augen gesehen haben, die sich hier im Hof hinter Gardinen verbergen? Es ist allgemein bekannt, dass nur regimetreue Menschen hier eine Wohnung bekamen, was haben sie gedacht, wenn ihr Blick auf die Mauer fiel, die Schäferhunde, die Grenzer? Was mögen sie denken, wenn sie jetzt zu allen Seiten von Agenten der Gegenseite, von fröhlichen Familien aus Kapitalismusgewinnlern, umgeben sind? In diesen Wohnblocks krachen feindliche Systeme aufeinander, und doch fühlt man sich in Sicherheit, hier, im obersten Stockwerk, sonnenbeschienen, mit schützender Markise bei Bedarf, hier, wo die ganze Welt Urlaub machen wollen würde, wenn man sie nur ließe, im Herzen der Stadt, die das Herz Europas ist, mit Blick auf die Wolken, die unablässig vom Wedding her in den Osten rübermachen, auf die tobenden, kreischenden Krähen, die Lichtmasten des traditionsreichen DDR-Fußballstadions, die bald fallen werden, zum Untergang verurteilt, wie so vieles, was die Menschen hier kannten: Wann wird diese Stadt jemals sie selbst sein?

Vielleicht ja jetzt, in dieser seltsamen Zeit, in der alles stehengeblieben scheint. In der ein Durch-, ein Aufatmen unsere Herzen ergreift. Wo denn mehr als hier, auf dem Balkon der Nachbarin, wo man mitten drin ist im Erschrecken der Gegenwart und doch auch allem enthoben, wo denn mehr als hier sollte das Dasein sich bedenken und verstehen lassen?

Vom Tourismus ist dieser Flecken noch vollkommen unbehelligt, wiewohl sich kaum irgendwo wohler fühlen lässt. Der Bodenbelag aus nicht mehr ganz taufrischen Ikea-Holzfliesen verbreitet eine Atmosphäre entspannter Vertrautheit. Zwei kleine Gläser voll abgebrannter und durchfeuchteter Zigarettenstummel zeigen, dass jeder Lebensstil willkommen ist. Ein Vogelhäuschen, das von heimischen Arten wie Cyanistes caeruleus oder Passer domesticus gern genutzt wird, zeugt von Gastfreundschaft, die vor Artengrenzen nicht halt macht. Hat man es sich, gut eingehüllt, in einem der beiden wetterfesten Korbstühle bequem gemacht, fällt unmittelbar die bacchantische Üppigkeit der hiesigen Flora ins Auge. Mit einer Pflanzen-Erkennungs-App machen wir uns an die Bestandsaufnahme, beginnend im äußersten Westen des Balkons. Schon das erste Blatt, das wir aufnehmen, führt uns weit zurück in die Historie: Tropaeolum ist beredte Zeugin des menschlichen Welteroberungsdrangs, im dunklen knarzenden Bauch niederländischer Handelsschiffe fand sie erst im 17. Jahrhundert ihren Weg zu uns, von Südamerika nach Europa, hierher, auf der Nachbarin Balkon.

„Kapuzinerkresse. Die wächst wie Unkraut. Ich habe die eigentlich nur, damit ich die Nachbarin rechts nicht sehen muss.“ Sagt plötzlich eine Stimme, wohltönend, rund und warm, wie es für die Einheimischen typisch ist. Eine von ihnen hat ebenfalls den Weg zum Balkon gefunden, und ganz ohne Fremdeln, mit natürlicher Herzlichkeit beginnt sie, den Besucher kenntnisreich in das grünende Reich einzuführen, das die West-, Süd- und Ostgrenzen des Balkons beherrscht. Jasmin, „echter“, kommt dabei nur im äußersten Südwesten vor, weiter verbreitet sind Erika („von Lidl“) und Heidekraut, oder, wie man hier sagt: „so ’ne Art“ Heidekraut. Wie sehr die allgegenwärtige Gefahr hier in unmittelbarer Nähe des Todesstreifens das Leben und Denken der Menschen geprägt hat, wird klar, als sie uns zu einer stolz ragenden dunkelgrünen Drohgebärde von Pflanze führt: „Oleander“, sagt die Einheimische (ca. 28), die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, „giftiger Oleander! Von Aldi“. Ein Blatt, sagt sie in selten gesehener Anmut, genüge schon – „und du bist futsch. Jedenfalls Kinder.“

Es ist die augenzwinkernde Gelassenheit, die diesen Balkon zu etwas Besonderem macht, zu einer Insel des Wohlbefindens inmitten des gern mal hysterisch-überbehüteten Prenzlauer Bergs, dessen immenser Reichtum die Menschen nur sorgenvoller und dünnhäutiger gemacht hat. Wie weit weg davon ist man hier! Zwischen Sonnenblumenkernschalen, die die gefiederten Besucher umhergeworfen haben, Solarlampions und verloschenen Teelichtern voller Regenwasser. Hier ist ein Ort der Ruhe und Beobachtung: Wie viel erträglicher wird die irre Prenzlmutti, wenn man sie aus 20 Meter Höhe beobachtet, wie sie das wüst-narzisstische Gebaren ihres Kinds ignoriert. Wie beinahe schon possierlich erscheint der berüchtigte Antiquitätenhändler, dessen stetes Gebrüll das Gleimviertel beherrscht, von weit oben! Wer sich hier zurücklehnt, wer hier warten kann, dem zeigt das Viertel, in seinem verborgenen Hinterhof, seine märchenhafteste Seite.

„Manchmal im Sommer“, sagt die Einheimische, „kommen zwei Mädchen aus dem Quergebäude in den Hof. Die spielen dann Urlaub. Einmal haben sie sich auf dem Pflaster richtig breitgemacht, mit Decken, Handtüchern, Bikinis, Sonnenschirmen, Sonnencremes. Haben da auf dem Beton gelegen und gelesen. Einmal haben sie auch abends ein Diner zu sich genommen: Haben ein Tischchen und zwei Stühle oben auf den Müllcontainer gestellt, und dann sind sie da rauf, haben sich niedergelassen, haben gespeist, mit Gläsern angestoßen, haben gequatscht und gelacht. Wollen Sie mal die Fotos sehen?“

Klar will ich sehen. Aber erst lasse ich mir noch die Pflanzen zu Ende erklären, in denen halb Berlin, also die halbe Welt, den Beobachter grüßt. Da sind Lilien vom U-Bahnhof Kotti: Die dufteten, heißt es, sie seien rosa und wunderschön. Da sind Begonien vom Holländer in Treptow, der jedes Jahr im Frühling alle Menschen der Stadt glücklich macht. Da ist das rankende, betörende, empfindsamere Seelen bald süchtig machende Geißblatt („Duftet verheerend!“), da ist in der Ecke ein alter Flieder, der sein erstes Leben in einer Pankower Kleingartenkolonie zugebracht hat, da ist das Kräuergärtlein am Ikeaholzboden, sind Basilikum, Pfefferminz, Petersilie, Salbei, und dann, sagt sie, das Coolste: „Dies Gestrüpp da, das ist Zitronenthymian. Davon braucht man nur zwei, drei Blätter und schon schmeckt alles gut. Wollen Sie mal riechen?“

Ich rieche. Es duftet. Wie einfach es ist, auf der Welt zu sein, Lockdown hin oder her! Ich frage die Einheimische, wie lange all die Pflanzen schon hier stünden, sie sagt: seit dem Frühjahr erst. Es sei eine selten erzählte, doch wahre Geschichte: Immer wenn die Herrin des Balkons, so sage man, einen neuen Liebhaber habe, bepflanze sie den Balkon neu, und ihr letzter Liebhaber, den habe sie ja im Winter kennengelernt, vielleicht würde ich mich noch daran erinnern, Winter sei das ja gewesen, und daher musste sie dann auf den Frühling warten, die Herrin des Balkons, und dann kaufte sie ein und dann pflanzte sie, und sie goss. Bis alles wieder blühte und summte. Duftete auch. Sie lächelt mich an unter ihren dunklen Locken – man kann es echt aushalten hier.


Eine Version des Textes erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im Februar 2021.

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