Aus „Alles über die Welt“: G4, Schirmacher-Oase

Wüst weht der Wind hin über die Weiten der Schirmacher-Oase, Neuschwabenland, keines Menschen Antlitz zeigt sich hier mehr, kein Messballon steigt mehr auf in die zugigen Lüfte, keine flinken Finger schreiben Erkenntnisse nieder, die von dort, aus den luftigen Höhen zu holen gewesen sind, nirgends mehr ziehen sie einsam ihrer Wege: die Faktenerheber, die Verbreiter neuer Erkenntnis, Erspäher der Zukunft. Alles bleibt leer und ungesagt. Was waren das hier mal für Zeiten vor Zeiten! Einsam trotzte die Forschungsstation „Georg Forster“ den Unbilden der geistbefreiten Welt da draußen, durchaus traf man sich in der engen Teeküche wie Zufall, debattierte Themen durch und trieb sie weiter voran, von denen die tumbe Welt noch gar nichts ahnte, tauschte man neueste Erkenntnisse aus, die jene schwebenden Geistballons aus luftlosen Höhen übermittelt hatten; debattierte man, wie das der Welt aufzubereiten sei – ja! Lachte man durchaus auch mal, wenn’s passte (nichts als böses Vorurteil war die Humorlosigkeit und Verstocktheit dieser Elitestation); versuchte man sich einmal auch im gemeinsamen Ostereierbemalen, das leider scheiterte, weil die Farben in dieser Unwirtlichkeit nicht an den Eierschalen zu haften sich bereit fanden, und so wandte man sich, innerlich aufatmend, wieder seiner Beschäftigung zu, ein jeder schweigend in seiner Kabine, oder durchaus auch mal einen kleinen Spaziergang unternehmend, gegen den Wind da draußen an, im Kopf einen größeren Orkan aus Ideen … stapfte man dahin. Doch das alles liegt lange zurück. Niemand ist mehr da, niemandes Schritte bereichern die Ödnis der Schirmacher-Oase; an seltenen Tagen nur scheint alles wie früher – wenn kleine Gestalten vorüberwatscheln, die auf den ersten Blick kaum von den früheren Bewohnern zu unterscheiden sind, von denen nichts geblieben ist; von ihren Namen und Gedanken und von ihrer Station nichts als eine Gedenktafel, die an die große Arbeit erinnert, welche hier getreulich geleistet wurde, eine Tafel, die abschließt mit Worten des großen Georg Forster, des Begleiters des noch mal so großen James Cook: Aber, welchen schöpferischen Geist, und welche unbeschränkte Macht ihm Nachdruck zu geben, erheischt nicht jenes unfreundlichere Klima, damit die zarte Blüthe der Volksglückseligkeit daselbst sich öffnen werde? Damit die harte Fiber biegsam, und die Seele im erstarrten Körper sich regen werde! Die gewöhnliche Kunst allein vermag hier nichts; nur mit unwiderstehlicher Kraft und Geistesgröße zwingt ein großer Peter sein rauhes, träges Volk … Der Rest dann leider ist unlesbar unter Eiskrusten und Schneewehen versunken, und ganz selten nur bleibt mal einer der Pinguine hier stehen, legt kurz angesichts der Tafel seinen Kopf schief und zieht dann weiter seiner vorbestimmten Wege, für die er nichts kann – ins kalte Wasser zum Beispiel.

(aus Alles über die Welt, Blessing 2008)

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