Fewo indirekt

Zwei Tage bevor es losgehen soll, kommt der Anruf. Es ist die Vermieterin der Ferienwohnung, die im Holsteinschen auf uns wartet, ländlich, geräumig, mit einem Misthaufen oder vielleicht auch keinem Misthaufen unterm Balkon, je nach dem, wem man auf der Website des Fewo-Vermittlers Glauben schenken mag. Die Vermieterin kommt richtig menschlich rüber. Schlechte Nachrichten, oh je, habe sie: Mein Geld sei bei ihr nicht angekommen! Der Anbieter habe ihr nichts überwiesen, anderen Vermietern auch nicht, daher seien nun alle sehr erregt, und in dieser Erregung hätten sie sich lemmingsgleich ins Internet gestürzt, und im Internet hätten sie also die Information (sie nennt es Information) gefunden: Der Anbieter sei zahlungsunfähig! So gut wie sicher! Also könnten wir nicht kommen. Kein Geld, keine Wohnung. Kein Urlaub. Ernsthaft? Statt in Vorfreude suhlen wir uns daheim in schlechter Laune und Gewaltfantasien. Muss doch möglich sein, so eine Fewo mit Waffengewalt zu erstürmen, ehe man es sich dort gemütlich macht! In der Nacht schlafen alle schlecht, die Vermieterin auch. Zum Frühstück schickt sie per Mail eine geniale Idee: Wir können zu ihr kommen, ins schöne Holstein. Und dann, vor Ort, einfach noch mal bezahlen!

Sie muss verrückt sein. Etwas sagt mir, dass sie verrückt sein muss. Pläne werden gewälzt, Hoffnungen sinken. Warum nicht mal Urlaub da wo man wohnt? Hier gibt es doch sicher viele Attraktionen, die sonst nur die doofen Touristen zu sehen bekommen! Wie wird denn das Wetter? Na, so gemischt. Wir sehen uns schon in Mau-Mau-Runden und Urquell versinken, das unerreichbar Holsteinsche im Herzen tragend, doch nie mit den Augen erblickend. Dann maile ich: Sehr Geehrte. Ihren Vorschlag, die Miete zwei Mal zu bezahlen, habe ich mit Interesse, groarr, zur Kenntnis genommen. Ich mache darauf aufmerksam, dass ich mir mein Geld zurückholen werde, ob nun bei Ihnen, dem Anbieter oder dem Erzengel Gabriel. Aber am ehesten doch bei Ihnen. Ultimatum: Heute Abend 18 Uhr, ähem! Ganz herzlich. Ich.

Dann kehrt Ruhe ein. Man findet allmählich zurück ins Leben. Die kleinen Dinge – Lakritzessen, Fingerknacken, oder sich malerisch mit der Hand durchs Haupthaar zu fahren – sie fangen an, wieder Freude zu bereiten. Halb Ultimo kommt eine Mail. Über zwei Seiten und fünf dicke Absätze beschimpft mich die Vermieterin. Im sechsten sagt sie dann: Okay, wir können kommen.

Na bitte, geht doch. Wir klatschen uns ab. Packen. Schlafen. Fahren bis ins malerische Dorf, in dem, der Legende nach, auch Til Schweiger schon seinen Luxusbody gesonnt hat. Öffnen das Tor zum Anwesen. Rollen langsam, siegreich, bis vors Haus. Klingeln. Lugen durch die Glaswand. Da löst sich eine Schattengestalt aus den Tiefen des Bauernhaus-Innenraums, huscht auf die Haustür zu, öffnet. Schaut so säuerlich wie möglich. Ich halte ihr die Hand hin. Die ignoriert sie. Deklamiert Corona-Regeln. Gibt uns Schlüssel. Wir stürmen hoch zu unserer Bude. Die Tochter läuft durch die Zimmer und zählt Spinnen: 17 Stück! Wir gehen auf den Riesenbalkon und zählen Misthaufen: nur einer! Wie ganz frisch aufgeschüttet sieht er aus.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11. Oktober 2020

2 Kommentare

  1. Das klingt doch nach einem echten Abenteuerurlaub. Ich jedenfalls fand´s bis hierher durchaus spannend, lustig und erfrischend. Ich habe herzlich gelacht und beim Lesen eine prima Zeit gehabt. Ich wünsche von Herzen einen wundervollen Urlaub

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