Let there be Rock (2002)

MTV-Campus-Invasion. Augsburg im Ausnahmezustand, mindestens mal das Uni-Gelände. Abgezäunt alles, am Einlass ein Riesenpulk, zäh drängt er hinein, wenn überhaupt. Hinter den Gittern Bewegungsfreiheit: Junge Menschen treiben und turteln luftig gekleidet, sie lassen die Bühne der lokalen Heroen rechts liegen, sie gehen über Brücken, über Teiche, schön ist’s, sie gehen zwischen Fressbuden hindurch und silbernen Wodkaständen, an haushohen aufgepumpten Bierflaschen vorbei, hinein in ein Gedränge. Vorn mucken noch die Pommesrocker von H-Blockx, nett anzuhören das Ganze, allweil astet ein Jüngling am Kamerakran: Der wird von Hand bewegt, tonnenschwer, Schwenk hin über die Massen – und bremsen. Schwenk her über die Massen – und bremsen. Schwenk hin. Der junge Mann ist ganz rot im Gesicht, die Kamera oben dreht sich von selbst. Riesige Pustepuppen stehen rechts und links der Bühne, zehn Meter hoch, wallend die Glieder wie bei der letzten EM, keine Trikots, dafür Alien-Augen und Visa-Cards auf der Brust. Sie pusten und flattern ohne Ende. Sie pusten und flattern, als die H-Blockx die Bühne verlassen, sie pusten und flattern, als man unsere Lieblingsband avisiert und wir nach vorne drängeln, sie pusten und flattern, als auch Headliner Xavier Naidoo für später verkündet wird und wir zurück buhen, sie pusten und flattern, derweil die Roadies rotieren und zwei Berufsdeppen sich auf der Bühne stark machen für Bayern 3 und MTV. Sie pusten und flattern, als unsere Helden die Bühne entern und es krachen lassen. Das Glück ist groß, rot strahlen Mädchengesichter, wild knallen Jungenkörper aufeinander oder fallen von hinten vom Himmel, wir hüpfen und wir singen uns in Trance, der Sänger sieht aus wie unsere Fahrerin, alles weitet sich, verschwimmt … ein Mann schneidet einen Hals durch. Rups! Also so was! Er tut es wieder. Er hat eine Montur an, wichtig, er steht an der Seite der Bühne und macht Zeichen zur Band: Finger am Kragen – wutsch, Hals durch! Es gibt nämlich einen Zeitplan. Es gibt Verwirrung, der Bassist ist sauer und sagt es ins Mikro, der Schwesternbruder sagt noch zwei Songs an, kurze. Hals durch! Und sie spielen los, drei Schritte vom Abgrund entfernt, sie rocken, wir rocken. Die Montur läuft auf die Bühne, es pusten und flattern die Kreditkartenmänner, dann wechselt das Licht und ist alles vorbei. Wir brüllen und wir pfeifen, wir sehen zur Bühne, zu Jan, dem Bassisten. Jan schaut seinen Mikrofonständer an, eine lange Zehntelsekunde. Dann tritt er ihn um. Es rumort und es tobt, wir stehen da, pfeifend, es ist nicht weit bis zur Bühne. Wir spüren, dass etwas sehr an uns zieht. Und mehr passiert nicht. Mehr passiert nie.

 


 

Aus: „Ist Frühling. Muss schön sein. – Miniaturen aus 2 Jahrtausenden“.

Ersterscheinung: FAZ 2002.

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