Helle Kühe, kecke Rehe (Spreewaldfahrt)

Man kann ja nie verloren gehen. Das sieht nur für die Außenwelt so aus. Man selber, wenn man ihr abhanden kommt, löst sich auf in einem Labyrinth, einer Suche, einem anderen Bewusstseinszustand. Man hat die schnöde, gewöhnliche Welt mit ihren Anliegen, Anträgen und Ampeln hinter sich gelassen, hat sich in eine neue Existenz hineinspiralt, immer mehr vergessend, dass es einen Ausgang geben könnte, einen Weg zurück.

In alten Sagen gibt es die Irrlichter und die Nixen, die einen vom Weg fortlocken, ins Unbekannte, Dämmrige, Dustere hinein, hinein in Unterwelten, Moore und Gestrüpp. Wenn sie je irgendwo existiert haben sollten, dann hier. Im Spreewald. Wir haben versucht, einmal eine Ausfahrt zu wagen von der Bleiche aus, jenem märchenhaften Anwesen, in dem wir wohnen, aber hinaus…? Hinaus gibt es nicht im Spreewald. Hinter jeder Biegung kommt eine neue Biegung oder rutschst du durch ein unsichtbares Tor in eine andere und dann noch eine andere Welt. Uns Lehde nähernd, rollen wir durch sonnenbeschienen lachende Urlauber hindurch, an Gurkenständen, Eisbuden und flatternden Sommerblusen vorbei, es ist, als habe ein Küstenstädtchen sich per Fata Morgana ins Sorbische gespiegelt, und kaum versinken die Urlauber, Eis essend, hinter uns, nähern wir uns, auf engen Pfaden, dem Freilichtmuseum von Lehde: Wo die alten verwunschenen Bauernhäuser stehen, im Kahnschuppen an einem Kahn gebaut wird, bezopfte Mädchen Wassereimer umhertragen, lange plustrige Unterwäsche wie aus einer Zille-Zeichnung auf der Leine weht, und die bestickten Tücher weißleuchtend mahnen: „Rüstig schaffe, nie erschlaffe“; wo, ein Holzhäuschen weiter, eine Spritzenhauskarre wie aus dem Räuber Hotzenplotz von vergangenen Löscheinsätzen träumt. Hier verlieren wir uns zwischen Holzhäusern alter Tage, zwischen Bienenkörben, Borretsch, Winterheckenzwiebel und Bergbohnenkraut, dann finden wir uns auf einer Ofenbank wieder, schauen in einen aufgeklappten Bauernschrank, aus dem der Wassermann Lischko, auf einem Bildschirm, uns alte sorbische Sagen erzählt: Etwa hat er die Lutki noch gekannt, die kleinen Leute, die den Menschen halfen, ehe der dröhnende Sound der Kirchenglocken sie für immer vertrieb …

Weg sind sie. So wie wir. An unserem Auto zieht die schweigsame Spreewaldlandschaft vorbei, helle Kühe, kecke Rehe. Wir vergessen alles Gelesene aus den Reiseführern. Das nächste Traumtor ist manchmal nur eine entschlossene Abfahrt von der Straße entfernt. In Burg lockt uns der riesige Schriftzug „DDR-Museum“, dem wir nur aus Witz folgen, da wir in der Lagerhalle nicht viel mehr als ein paar verstaubte, angeschlagene Kuriosa vermuten. Doch dann tut eine Welt aus blinkenden bunten Ost-Erinnerungen sich auf: Motorräder, Zelte, Feuerwehrautos aus der guten alten unfreien Zeit, sogar eine echter riesiger Leninkopf schaut skeptisch in eine Zukunft von gestern. Begibt man sich weiter hinein ins Gelände, findet man noch mehr Schatzkammern, findet man, wenn man Glück hat, auch Anja Urban, die Museumsgründerin. Aus eigener Initiative hat sie diese Oase des Vergangenen hochgezogen, mit ihrem Lebensgefährten, staunend mustern wir die zahllosen nostalgischen Nahrungsmittelpackungen, die Schnapsflaschen, die Kita-Kinderliegen, die auch in Anja Urbans Leben ihre Spuren hinterließen: „Damals mussten wir ja die Liegen selber aufbauen, da habe ich mir immer die Finger geklemmt.“ Viele Besucher sinken in alte Erinnerungen zurück, wenn sie ins DDR-Museum kommen, sie brauchen gar nicht mal die Gefängnis- und NVA-Exponate zu sehen. Anja Urban hat es mehr als einmal erlebt: Jemand kommt rein. Sieht die bunte Warenpracht. Fängt an zu weinen. Beim Anblick der Schnapsflaschen soll es auch zu noch heftigeren körperlichen Reaktionen gekommen sein … Wir wollen es glauben. Gern wollen wir ohnehin alle Geschichten glauben, die uns angeboten werden, hier im Spreewald, der um das Resort und Spa „Bleiche“ herum liegt, das zeitlose Zentrum unserer Reise: Hier hat es angefangen, dass Zeit und Raum uns aus ihrem strengen Griff entließen, wir verloren gingen. Allein die „Bleiche“ zu erkunden ist eine Tagesbeschäftigung, zu durchwandern ihre zahllosen, immer geöffneten Spas, eines verlockender als das andere, ihre zahllosen Restaurants, den weitläufigen Empfangsbereich, der zwanglos in eine großzügige Buchhandlung übergeht, die Buchhandlung wieder in ein feines, offenes Café… Wenn der Abend gekommen ist, und wenn man sich einmal kurz von den vernünftigen Nichtrauchern absentieren möchte, findet man eine einsame Bank draußen, und man sieht zu, wie Fuchs und Rasenmähroboter sich auf einer großen stillen Wiese gute Nacht sagen.

Dort, übers Grün blickend, träumt man von den Ereignissen oder Nichtereignissen des Tages – ein Ereignis ist ja etwas, das eine Veränderung nach sich zieht. Von derlei Dingen ist hier nichts zu spüren. Nur immer deine Runden drehst du, durch ein vergessenes Reich, so wie Rasenmäher und Hase, so wie die Menschen in ihren weißen Bademänteln, die es von einem Spa ins nächste, noch schönere zieht, so wie der Kahnfährmann, dem wir heute begegnet sind: Steven Rehnus tut das, was vor ihm sein Vater und sein Großvater taten, ruhig und freundlich hat er uns durch die weit verzweigten Fließe gestakt, unter kühlenden Baumkronen hindurch, durchs verspielte Licht, dann und wann mit dem Bug über Bruchholz im Fließbett schruppend, vorbei an winkenden Nachbarn auf Gartenterrassen, so gemächlich, dass man gar nicht weiß, wann man mit dem Winken anfangen und wann man aufhören soll, umsummt von und emsigen, tiefblauen Libellen, eine Berliner Weiße für uns mit an Bord, aus dem Kahnfährmannleben berichtend: Schon als Kind hat Steven Rehnus im Bootshaus mitgeholfen, Ruder rausgegeben, Kissen rausgegeben, dann hat er Holztechniker gelernt. Jetzt ist er ein Teil des Spreewalds, er holt die Kähne an Land, wenn der Winter kommt, er legt sie im Frühjahr unter Wasser, damit das Holz sich wieder vollsaugen kann. Manchmal, kaum vorstellbar, verlässt er das alles. „Gibt auch andere schöne Ecken“, sagt er. „Aber nach ’ner Woche will man doch wieder heim.“


Erschienen in Salon.

 

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