Löschen

Sylvia lag im Hospiz und wartete. Manchmal schrieben, seltener telefonierten wir. Ihr Lebenswille wurde zu winkenden Emojis, zu Liedern, die sie mir nachts auf WhatsApp einsang. Einmal packte es mich, ich wollte ihr sagen: was sie mir bedeutet hat. Äh, bedeutet! Wie froh ich bin, dass wir uns kannten. Äh, kennen! Ich sprach eine Nachricht auf. Löschte sie. Noch eine. Löschte wieder. Und so fort. Mit der x-ten Version konnte ich leben. Hatte aber WhatsApp nicht kapiert. Wochen später, auf dem Hospizbett, sagte Sylvia mir: Ich hätte ihr neulich acht Mal dasselbe erzählt! Von wegen: gelöscht. Halb starb ich vor Scham, Sylvia aber lachte: Sie hatte das süß gefunden.

(erschienen im „Freitag“, 31.1.2019)

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