Kuopio brannte

Wir sitzen in einem Bottich und vergessen Turku. Warmes Wasser ist um uns, kühles Bier in den Händen. Manchmal springen wir in die Ostsee, zehn Grad. Manchmal watscheln wir hoch in die dunkle Natursauna. Schwitzen alles aus. Dösen.

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In Turku ist 1803 ein Meteorit niedergegangen: Ein Feuerball stürzte vom Himmel, direkt auf die Stadt zu, so schien es, später waren laute Erschütterungen zu hören. Gefunden hat man damals nichts. 1804 stießen Fischer auf einen Stein, wie sie noch keinen gesehen hatten, in Noormarkku, 140 km nördlich. Die Überlieferung gibt nicht viel her, ganz ehrlich, aber vielleicht war das der Turku-Meteorit, der allerdings nicht so heißt, denn die Stadt ist ja zweisprachig, Finnisch und Schwedisch. Der Stein ist also der Åbo-Meteorit, und weil das in den Katalogen immer falsch geschrieben wird: der Abo-Meteorit. 1,4 Gramm sind übrig von ihm, die sollen in Paris liegen, der Rest ist wohl im großen Brand von 1827 zerstört worden, so wie alles andere auch.

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Björneborg brannte 1801. Gamlakarleby brannte 1805. Helsingfors brannte 1808. Brahestad brannte 1810. Kuopio brannte 1817. Ekenäs brannte 1821. Fredrikshamn brannte 1821. Uleåborg brannte 1822. Am 4. September 1827 beugte sich ein Dienstmädchen in Turku aus einem Fenster, sie sah auf die Straße hinaus, Holzhäuschen dicht an dicht, ihr fiel die Lampe aus der Hand – so erzählt man sich. Den Dienstmädchen etwas anzuhängen, ist immer das einfachste, oder sonst auch den Russen. Die sollen ja schlimm geherrscht haben in der Russenzeit, manche sagen, alle guten Häuser in Turku hätten die Russen demontiert, aus dem Holz hätten sie Schiffe gezimmert, mit denen dann die Steine weggeschafft und in St. Petersburg wieder Häuser aufgebaut. Aber man muß ja nicht alles glauben. Steinhäuser! Fest steht: Turku (also Åbo) ist seit 1229 Stadt (wie man heute weiß, damals wußte man das noch gar nicht), lange war es das Zentrum von Finnland und also ein Teil Schwedens, im 17. Jahrhundert brannte es sieben Mal, 1710 wütete die Pest, 1809 fiel Finnland an die Russen, drei Jahre später machten sie Helsingfors zur neuen Hauptstadt (also Helsinki). 1827 beugte sich das Dienstmädchen aus dem Fenster. Die Stadt brannte ab. Der Dom brannte ab. Finnlands erste Feuerversicherung brannte ab. Die Universität brannte ab und wurde nach Helsingfors verlegt. Allein ein Hügel blieb verschont, hier standen die Holzhäuschen der Handwerker, und sie stehen tatsächlich bis heute: putzig! 

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Im Harald waren wir, dem Wikinger-Restaurant. Wenig Licht gab es da, Rentierfelle hingen an den Wänden, Trinkhörner und Rundschilde aus Holz, wir saßen an einer langen Tafel und ließen uns aus Siebziger-Jahre-Steingut und mundgerollten Glaskaraffen verwöhnen. Die Speisekarte las sich so: „Käseschindel aus Jellinge: Harald Blauzahn stapelte gern Steine. Er trug sogar einen großen Felsen nach Jellinge und legte ihn neben die Kirche. Danach legte er etwas Frischkäse, der mit dunklem Rohrzucker gebacken war, auf eine Schindel, und gab Blaubeerensauce und Mokkasauce hinzu. Und dann genoß er! 6,40 Euro.” Die sind gut informiert, die Leute von Turku, sie halten ihre Ahnen in Ehren, oder wenigstens doch die Ahnen von Norwegern und Schweden.

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Der Dom ist hier Nationalheiligtum. Backsteingotisch steht er da, läßt sich von viel Grün umschmeicheln, manchmal halten Busse. Wir sahen sogar echte Japaner! Im Dom bekommt man ein Faltblatt über ihn, es appelliert ans Touristenherz: „Der Dom zu Turku hat im Laufe der Jahrhunderte viele harte Schicksale erleben müssen. Sowohl Plünderungen während der verschiedenen Kriege als auch Brände haben große Schäden an dem seinerzeit so reichhaltigen Inventar bewirkt.” Die Orgel immerhin hängt unversehrt seit 1980, sie hat 81 Register und sogar 6057 Pfeifen, das ist ein stolzes Gerät, nur die Gruppen aus der ungarischen Partnergemeinde schmunzeln hier immer, deren Orgel hat 30.000 Pfeifen. Aber das ist dann eben auch Ungarn, nicht Finnland.

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Es ist nicht so, daß der Dom nichts zu bieten hätte. Bedeutende mittelalterliche Persönlichkeiten haben hier ihre letzte Ruhe gefunden; die Bischöfe Olaus Magni, Konrad Bitz und Magnus III. Särkilahti etwa, oder auch Knut Posse, der bekannte Festungskommandant von Wiborg – alles in allem werden über 5.000 sterbliche Überreste unter dem Kirchenboden vermutet. Wieviele es genau sind, kann niemand mehr sagen, denn Ende des 18. Jahrhunderts hat es ziemlich gemüffelt im Dom, so hat man denn doch den Boden über den Gruften versiegelt. Seither verbietet ein Gesetz, Leute unter finnischen Kirchen zu begraben. Für den Weltkriegshelden Carl Gustaf Mannerheim wollten sie eine Ausnahme machen, 1951, schließlich stammt er aus der Nähe von Turku. Die Rechtslage war stärker. Also liegt er in Helsinki.

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Gustav Wasa war auch mal da, in Turku. Er war entsetzt: kalt, dreckig, veraltet. Sein Sohn Johan III. ging trotzdem hin, er mußte ja, er war da Herzog, er brachte frischen Wind in die Sache, er erfand den Teppich, die Gardine und die Gabel, er baute die Burg zum Renaissancepalast um. Bißchen kalt war der allerdings immer noch, also schmiß man alle Heizungen an, als Gustav II. Adolf sich einmal zu Besuch ansagte. Da ist der Palast dann abgebrannt. Heute können wir in der Burg Gemälde betrachten, hohe Herrschaften zeigen uns ihre Hermeline, ihre Puffärmel und ihre großen Nasen, auch gibt es eine original alte Kassettendecke, scheußlich so was, aber das darf man ja nicht sagen.

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Turku ist das ideale Reiseziel: Man hat schnell alles gesehen, der Fluß heißt Aura-Fluß, man kann nach Naantali fahren – Küstenörtchen, klein und idyllisch –, man kann in die traumhaften Schären schippern und dabei in der Zeitung gleich auf Seite eins lesen, wer dieses Jahr die schönsten Kartoffeln gezüchtet hat: Kaj-Gustav Grönroos aus Pargas (bzw. Parainen), wir gratulieren recht hübsch. Vor allem aber ist ganz in der Nähe von Turku das naturnahe Sauna-Restaurant vom dicken Mikael Hägg: Stundenlang kann man hupfen hin und her zwischen Sauna, Bottich, Ostsee und Büffet, kann man Dosen aufknipsen, die Sonne am Himmel stehen sehen, und noch eine, und noch eine… prost. Man bucht das als Gruppe.

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Wir sitzen in einem Bottich, mit uns im Bottich sitzt ein Ofen, angenehm ist das, unter uns platscht die Ostsee. Wir winken noch wen die Treppe herunter, einen netten Menschen mit überschüssigem Bier. Mensch, sagen wir, was? Mehr redet man in Finnland nicht, das wissen wir aus Filmen. Der nette Mensch nickt, er sagt: Rein nochmal? Und wir springen. Zehn Grad. Wir haben Turku vergessen. Platsch! Ist das schön. Finnland!

(Ursprünglich erschienen in der Frankfurter Allg. Sonntagszeitung.)

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