Rollback unter der Achsel

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Neulich war ich bei einer Lesung von Margarete Stokowski, „Untenrum frei“, außer mir waren noch vier andere Männer da. Im Übrigen war der Raum brechend voll. So sind alle Räume, in denen Margarete liest, deutschlandweit. Sie trägt die Fackel des Feminismus übers Land, und wohin sie auch kommt, junge Frauen strömen hinzu, selbst hier noch, in Prenzlauer Berg. Wo kamen nur all die Studentinnen her, die sah man doch sonst nie? Wieso sprach eine solche Hingabe aus ihren Mienen, wie sie da saßen und alles aufsaugten, was Margarete las und erzählte: Dass Frauen über ihre Körper selber verfügen. Dass sie ebensolches Anrecht auf eine erfüllte Sexualität haben wie es die Männer zu haben glauben. Dass keine Frau jetzt zum Beispiel Analsex haben muss, wenn ihr der keinen Spaß macht – nur um ihren Partner glücklich zu machen. Da machten sie aber große Augen. Da nickten sie aber heftig. Da hatten sie aber hinterher Diskussionsbedarf.

Für kurze Momente begann ich an Raum und Zeit zu zweifeln. Selbst bin ich ja in den Siebzigern und Achtzigern sozialisiert, in Lübeck, Schleswig-Holstein, sozialdemokratische, hanseatische Erde, konfessionell im Kuschelgriff des Atheismus-Pragmatismus, ein Hauch von Skandinavien in der guten Luft, dazu ein paar aufgeklärte, unambitionierte Eltern, Aszendent Laissez-faire. Irgendjemand hatte immer die „Emma“ herumliegen, im „Stern“ standen ab und zu noch ernstzunehmende Dinge, wir liefen in Parkas herum und wunderten uns, als die ersten Popper aufkamen und die ersten Sweatshirts mit brustbreitem Werbeaufdruck: BOSS.

Was Frauen angeht, so waren mir zwei bis drei Dinge selbstverständlich, die gehörten einfach zum Grundwissen Welt: Sie waren jahrtausendelang unterdrückt worden, bis hin zu meiner lieben Mami, der sie noch in der Kindheit übel mitgespielt hatten. Zweitens, das muss selbstverständlich anders werden, weil alles andere ja ungerecht wäre. Und gegen Ungerechtigekit kann man ja wohl nicht sein? Selbstverständlich verfügen Frauen über ihre Körper, selbstverständlich erwarte ich von keinem anderen Menschen, dass sie meinetwegen Dinge tut, mit denen sie sich nicht wohl fühlt. Wo wäre denn da auch der Sinn? Sex und das alles, da schien es doch unterm Strich um Sympathie und Spaß zu gehen, nicht um Unterdrückung und Machtspielchen.

Nun saß Margarete also da vorne und diskutierte mit den jungen Frauen. Ermutigte alle Anwesenden, sich der eigenen Körper zu ermächtigen. Keine Frau muss die Pille nehmen, damit der Mann sich das Kondom erspart, keine muss allzeit verfügbar sein, keine sich untenrum rasieren, wenn sie halt keinen Bock drauf hat.

Ich saß so stille hinten drin und fasste es nicht: Wie, ist das nicht alles längst durchgesetzt? Wie, Pille? Ernsthaft? Sind das nicht die Basics – dass das Leben kein Männerporno ist? Ich kann mich noch erinnern, wie das Beinrasieren aufkam, sehr zu meiner Verwunderung: Wollten die Frauen jetzt ernsthaft zu Barbiepuppen werden? Von Achseln und Muschi ganz zu schweigen. Die Welt, aus der ich komme, hatte noch diesen Naturbegriff als Leitbild, und das hieß eben nicht nur, dass man den Regenwald retten und Krötentunnel bauen wollte, sondern eben auch: Der Körper ist okay! Er ist deiner, und er ist gut so! Und was spricht dagegen, mal ein Schamhaar der Liebsten zwischen den Lippen zu haben? Ja wohl nüschte! Und: Nein, ich bin überhaupt kein Hippie, das war nur damals eine Normalität, und es war nicht die dööfste von allen Normalitäten.

Eine Normalität, mit der man zufrieden ist, ist gefährlich. Man beginnt, sich einzurichten in ihr. Man beginnt, sie für gegeben zu halten. Jetzt saß also Margarete da vorne und erklärte geduldig und mit Spaß lauter Sachen, die ich seit Langem für durchgesetzt hielt. Ich brachte das für einen Moment nicht zusammen. Diese Veranstaltung musste, ihrer inneren Logik nach, vor sechzig, siebzig Jahren stattgefunden haben! Die Frauen würden sich jetzt befreien und mit ihren Körpern aussöhnen, und dann irgendwann käme ich auf die Welt, die kleine, feine, hanseatisch-aufgeklärte. Diese Welt aber würde natürlich immer so bleiben, denn sie hatte ja alle Argumente auf ihrer Seite! Vernunft, Humanität, Frieden, Gleichberechtigung. Kann ja wohl nicht sein, dass irgendwer das nicht haben will! Die Fackel der Aufklärung leuchtet unwiderstehlich, wie Motten umschwirren wir sie und wärmen uns fröhlich an ihr.

Das war natürlich Bullshit. Die Zufriedenheit gebiert Monster, und ich war eines von ihnen. Die Flamme der Aufklärung kann jederzeit ausgeknipst werden. Tatsächlich, von mir wenig bemerkt, hat offenbar ein riesen Rollback stattfgefunden, tatsächlich ist die Gesellschaft eben doch nicht unbeeinflusst und schlau vorbeigegangen an Millionen pornofizierter Plakate und Anzeigen von zynischen ekligen sexistischen Werbern, an Zeitschriften voller antiseptischem Perfektionsterror, an der tausendfach hassenswerten Heidi Klum und Kinohits voll klassischer Geschlechterrollen und unhinterfragter toxischer Männlichkeit, voll von strunzdoofem, fühllosem männlichem Heroismus und weiblicher Sweetness. Der Weg in eine aufgeklärte Zukunft schien mir überhaupt nicht mehr wie eine Straße, die von Tag zu Tag breiter und schöner wird. Dieser Weg war ein Tunnel, von dessen Decken und Wänden unaufhörlich der Sand rutscht, der gerockt und erschüttert wird von nie ganz verstandenen Grummeln und Wummern aus den dunklen Tiefen der Erde, und den man freischaufeln muss 24/7. Ohne zu wissen, ob man je irgendwo ankommt.

Immerhin, eine Neuerung gab es doch auch zu bewundern bei Margarete: Die schmallippige, humorbefreite Männerfeindlichkeit der so genannten Emanzen der Siebzigerjahre war nicht ihr Projekt. Der Schwanz macht dich nicht automatisch zum bösen und dummen Menschen, einfach so, nur wegen Biologie und/oder Gruppenhaftung. Margarete verstand ihren Feminismus als geschlechterübergreifenden Auftrag: Ohne Befreiung des Mannes keine Befreiung der Frau. Toxische Männlichkeit bedroht uns ja alle, wenn auch auf je unterschiedliche Weise. Allen tut sie physische und/oder psychische Gewalt an. Jemand fragte: Ob es denn ein solches Buch wie ihres auch von einem Mann gebe? So einen offenen, privaten, berührenden und tragikomischen Bericht über die Entwicklung der eigenen sexuellen Identität. Diese Frage kam Margarete gerade gelegen: So ein Buch, sagte sie, von einem Mann – das wäre wirklich mal wünschenswert, aus feministischer Sicht.

Da horchte ich aber auf. Ein solches Buch schriebe sich ja praktisch von selbst! Sofort fiel mir ein dutzend Szenen aus meinem Leben ein, berührende, unwürdige, peinliche, ur-ulkige, mit Sex oder dem Wunsch nach ihm, voller Rollen- und Hormonstress, voller Erfolgsdruck, Sehnsucht und Befangenheit. Dieses Buch schriebe ich in zwei Monaten runter, hätte meinen Spaß dabei – und also auch noch etwas Gutes getan. Beschwingt schrieb ich meine Agentin an. Margarete, Lesung, so und so, Buch. Mit Sex. Von einem Mann. Super Idee, oder? Scharr, scharr. Kurze Zeit später ließ mir die Agentin die Luft raus. Dieses Thema, schrieb sie, komme bei den Verlagen nicht an. Letzthin habe ihr ein sehr gut eingeführter Autor ein ganz ähnliches Projekt vorgeschlagen – Achselzucken, Abwinken allenthalben. Warum?

Ich weiß es nicht. Aber einen Verdacht habe ich. Er heißt: Struktureller Sexismus. Eine Buchidee muss die Leute im Verlag kriegen, und sie muss die Leute in den Medien kriegen. Die Entscheidungsträger aber sind, wie man weiß, überwiegend: Kerle. Im mittleren Alter. Legt man denen ein Buchprojekt vor, in dem ein Mensch sein Aufwachsen und seine sexuelle Selbstfindung beschreibt, so denkt ein solches, männliches Entscheiderhirn entweder: Ah, von einer Frau geschrieben, hoch interessant! Lecker! Will ich lesen. Oder es malt sich das Buch von einem Geschlechtskollegen aus, voller Pein, voll Fremdscham zum Wiedererkennen. Ein Schlüsselloch, durch das man nicht schauen mag. Ob das Buch wohl gemacht wird? Darüber entscheidet ein männlicher Voyeurismus.

Wenn’s stimmt. Aber Sie wissen ja, wie das ist: Männer! Können mit Zurückweisungen ganz schlecht umgehen. Spielen beleidigt. Dann halt nicht! Gibt’s eben kein Buch! Mir doch egal.

Mit leichten Veränderungen erschienen in „Der Freitag“, 15. März 2018.
Illustration: Susann Massute

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