Reisen? Bleiben.

Unter den Spatzen hat eine lebhafte Debatte begonnen, sie dröhnt von der Kastanie herüber, die stolz ihre weißen Blütenstauden in die Sonne über Berlin reckt. „Ich bin hier!“, schrie der erste Spatz, als ich mich gerade auf mein Lieblingsmäuerchen gelegt hatte, so eine Wiesen-Betoneinfassung mit Kieseln drin und ein paar ausgetrockneten Flechten, eine solche Mauer, wie man sie schon in der Kindheit warm unterm Shorts-Po gespürt und dabei die kleinen roten Milben beim offensichtlich sinnlosen Rumlaufen beobachtet hat. „Ich bin hier!“, schrie der erste Spatz, und

sehr schnell stiegen die Kollegen ein, „Ich bin hier“, hatte der nächste Spatz, ebenfalls aus Kastanie, gerufen, und dann stimmten sie alle, weil sie sich auf der Welt vorhanden fühlten, mit ein: Ich bin hier! Ich bin hier! Ich bin hier!

Ein Wind geht über den Jahnsportpark hin, von der Bernauer Straße her nähert sich ein Sandwirbel, an Kinderwagenschieberinnen vorbei… Ehe der Sand mir in die Linsen kommt, lege ich mich mal lieber hin. Das Mäuerchen wärmt mir in all seiner wohlmeinenden Härte den Rücken, die Spatzenrhetorik ebbt ab, alle Argumente scheinen ausgetauscht zu sein und nun erst mal sorgsam erwogen zu werden, mit den Fingern taste ich Gewächse auf der angrenzenden Wiese ab und versuche, die Pflanzenart zu erkennen, wobei man ja letztlich immer sagen kann: Löwenzahn. Dann ist die Bö vorüber, kurz herrscht eine Stille, die nur vom zuverlässigen Ploppen der Tennisballmaschine unterbrochen wird; die Augen mit der Hand beschattend, lasse ich das Spiel der flockigen Wolken auf mich wirken: Gekonnt bilden sie einen Teil der Äußeren Hebriden nach, ziehen geruhsam nordwestlich, schmelzen dann ab, um das Luftbild einer Delfinschule darzubieten, ovale weiße Rücken, die kurz aus dem Blau auftauchen…

Da donnert, wie alle paar Minuten, die Luft. Ich blinzel hin. Da kommt, zu meiner Linken, eine Flugmaschine von Tegel her durch die Luft, weiß strahlend, dann einen Wolkenschatten durchquerend, wieder rein ins Licht – und davon. Die Menschen an Bord, wohin es sie wohl zieht? Helsinki, Gomera, Kathmandu? Nebraska, Nauru, Neufundland? Mailand, Madrid – Hauptsache fort? Jetzt sitzen sie da, in der Luft, und sitzen doch nicht, sie schießen dahin. Kein Ort um sie herum, nirgends. Mit ihrer ganzen Existenz streben sie in ein Anderswo und Anderswann. Meine Hand spielt mit dem Feuerzeug, das ich von einer sehr netten Frau geschenkt bekommen habe. Eine Krähe steht im Wind, einfach nur so, weil sie kann. Plopp, macht die Tennisballmaschine. Eine Zeit lang ist alles still. Dann geht der Donner wieder los, es kommt der nächste Flieger, etwas flacher, scheinbar etwas eiliger zieht er dahin, glänzt, Wolkenschatten, glänzt…

Ich zipp das Feuerzeug an, zum Spaß. Wenn ich lange genug liegen bleibe, wird irgendwann der Mauerparkfuchs vorüberschlendern. Wenn ich lange genug liegen bleibe, werden Bekannte kommen, werde ich ein Schwätzchen halten, braun werden ganz ohne Zutun. Wenn der Durst kommt, werde ich wissen, in welchem Späti hier ich welche Limonade finde, werde das köstliche Nass ansetzen… Brumm! Jetzt kommen die Nächsten angeflogen, ausgespuckt von Tegel, der großen Tennisballmaschine des Verschwindens. Meine Finger finden eine Zigarette. Ein Blatt wandert auf dem Boden vorbei. Ich zünd an. Ich bin hier.

(Veröffentlicht in der F.A.Z.-Sonntagszeitung am 28. August 2016.)

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