Frettchenzirkus

„Entschuldigung, die Linke macht hier heute ein Bürgerforum, stimmt das? Ich habe nur eine Ankündigung über Gefühle und Ernährung gesehen.“ Ja, die Frau in der Anna-Seghers-Bibliothek hat sich auch gewundert. Aber die Ernährung sei im oberen Stockwerk, das Bürgerforum da hinten in der Ecke.

Recht hat sie. Pünktlich um Sechs ist die Ecke gut gefüllt, Weiß die vorherrschende Haarfarbe, es sind doch findige ältere Herrschaften hier in Hohenschönhausen, sie haben sich nicht von der falschen Zeitangabe in der „Berliner Woche“ abhalten lassen, von den fehlenden Aushängen in der Bibliothek nicht, nicht vom fehlenden Veranstaltungshinweis auf der Homepage der Lichtenberger Linken. Nichts ist so machtvoll wie ein Bürger, der beteiligt werden will, er findet seinen Weg. Rasch noch gibt MdA Ines ein paar jungen Menschen in der ersten Reihe ihr Handy, damit sie Weiterlesen

Supervulkan

(Yellowstone, A21)

Ich bin mit dir in Yellowstone gewesen. Langsam rollten wir die schier endlosen Straßen entlang, schoben uns an zottigen Bisons vorbei, für die wir gar nicht vorhanden waren. Zeitlupengleich fielen Wasserfälle aus unseligen Höhen, stiegen weißspritzend Fontänen empor. K–lick, machte ich, k–lick, mit jenem überlauten Designsound, der der Kamera nicht auszutreiben war, k–lick machte es immer eine Viertelsekunde zu spät, da der Finger sich wieder entspannt, der Kopf des Hirschs sich wieder fortgedreht hatte, jeder obskure Faunavertreter wieder verschwommen und verschwunden war. K–lick machte ich vor den Mammoth Hot Springs; k–lick k–lick am Weiterlesen

Zelt

Das Zelt ist eine dünne Haut zwischen dir und der Welt. Das Zelt ist die Behaustheit in der Unbehaustheit, wer sich keinen Urlaub leisten kann, schlägt aber sein Zelt im Garten auf und reckt sich morgens mit dicken Augen der immer selben Sonne entgegen, und doch ist die Welt wie verzaubert. Weil das Zelt dich neutralisiert und die Welt in eine ganz neue verwandelt hat. Du verlierst alle Voraussetzungen deiner Existenz, du bist ganz ruhig, wo du sonst muckelig bist, du trägst die Haare offen und freust dich am Dreck auf den Armen. Die Welt in den Häusern ist nicht mehr deine, die Turmuhren und Kirchenglocken und Salsaplakate Weiterlesen

Reimarus

auferstehsus_phixr
Neulich war Ostern. Zu diesem Anlass habe ich beim hpd an Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) erinnert, der seinen Glauben an einen vernünftigen Gott nicht mit der Bibel in Einklang bringen konnte. Und der mit literarisch-kriminologischer Akribie einer Spur nachging, die sich dort findet: Dass die Jünger des Predigers Jesus von Nazareth seinen Leichnam nach der Grablegung beseitigten, um anschließend die Wiederauferstehung zu behaupten. Reimarus traute sich zeitlebens nicht, seine Theorie zu veröffentlichen – mit Recht, wie sich zeigen sollte.

Looking for Mark

Kastanienallee/Schwedter Str

Vater Kastanien, deine leeren, verdreckten Sonnenschirmständer, dein abgeratzter Granit, deine tumb ragenden vollgeklebten Laternen, deine Kotzpfützen aus tiefster Seele, die Häuser, die unter Kaiser Wilhelms weisendem Finger hier hoch über die Felder gekrochen sind, Wege und Bäume und Gras und Igel und Insekten fressend, einen sanften Hügel verwandelnd in stinkende keifende grauende Stadt, deine Fluppenreste, die stechenden gelangweilten Blicke, die Spiegelbrillen, deine Tonnen verspuckter Gummis, leerer Bierflaschen, die die Abgehängten still einsammeln sollen, deine Gehwege voll Rotze voll Mann-DNA, deine gottverfickten Pimmelpoller, aus dem Boden ragende Stahldildos, die man umtreten kann. Deine langsam verschluffenden, langsam ergrauenden Berufsjugendlichen in Jeansjacken mit Hertha-Anstecker, Deine nie gelesenen, nie verstandenen Autoren, nie erhörten Herzen, deine vergessenen Kindheiten, versunkenen Meere, all die Augen, die suchen wollen und immer nur Hauswände finden. Hier bin ich, hier schleiche ich, hier diene ich dir, jeden Tag, jede Dämmerung, jede Nacht, die die Erdrotation werden lässt.

Kastanienallee/Schönhauser Allee

Am Prater schleiche ich immer noch mit einem Gefühl der Scham vorbei. Dabei ist das schon so lange her. Dabei war ich ja damals noch jung. Und ich könnte auch stolz sein, mit wie viel Tricks und Überredungsküsten ich es damals geschafft habe. Erst war ich, direkt nach dem Konzert, zu den Roadies hin. Hatte denen erzählt, ich hätte jetzt noch einen Interviewtermin mit Mark, und die Weiterlesen